Über 39 Jahre Geschichte der Thomas-Mann-Oberschule haben Ihnen meine Vorgänger im Amt, Herr Dr. Danne und Herr Braune, berichtet.
Ich denke nicht, dass sich im letzten halben Jahr sehr viel verändert hat.
Mein Beitrag zum 40. Jahr könnte deshalb knapp ausfallen. Es sei denn, man wagt einen Blick in die Zukunft des Berliner Schulsystems und damit auch in die Zukunft der Thomas-Mann-Oberschule.
Derzeit prägt der Begriff „Schulstrukturreform“ die bildungspolitische Debatte in Berlin.
Das dreigliedrige Schulsystem, dessen Grundbestandteile in der Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts wurzeln, ist in den letzten Jahren in eine tiefe Krise geraten.
Zum einen drängen immer mehr Schüler in die Gymnasien, weil nur das Abitur Aussicht auf berufliche Karriere und gesellschaftlichen Aufstieg zu bieten scheint. Auf der anderen Seite hat sich die Hauptschule, besonders in den innenstädtischen Bezirken, zu einer Restschule entwickelt, an der sich überwiegend die schon frühzeitig Gescheiterten befinden, scheinbar ohne Perspektive für eine Zukunft - entsprechend unattraktiv ist diese Schulart.
Die Lösung des Problems „Hauptschule“ wird darin gesehen, Hauptschulen einfach aufzulösen und diese mit den Realschulen in sogenannte Sekundarschulen umzuwandeln. So wird aus einem dreigliedrigen ein zweigliedriges Schulsystem ohne Hauptschule.
Schon hat man ein Problem gelöst!
Dass es so einfach nicht geht, liegt auf der Hand, denn auch ohne Hauptschule bleiben doch immer noch die problematischen Hauptschüler, nun eben in der Sekundarschule.
Wer von den Eltern meldet dort freiwillig seine Kinder an? Also geht man einen Schritt weiter, sucht – und findet – die Gesamtschule.
Recht unterschiedlich, zum Teil sehr erfolgreich, läuft dieser Schultyp bisher parallel als ernsthafte Alternative zu den 3 alten bekannten Schulformen, auch zum Gymnasium.
Nun soll die Gesamtschule ebenfalls Teil der Sekundarschule und künftig nicht mehr ein eigenständiger Schulzweig neben den herkömmlichen Schultypen sein, sondern integrativer Teil eines zweigliedrigen Schulsystems, an dessen Spitze nach wie vor unangetastet das Gymnasium stehen wird. Das heißt konkret, dass es die Gesamtschule als eigenständigen Schultyp nicht mehr geben wird, damit ist die Gesamtschule in Berlin nach 40 Jahren tot.
Wer allerdings glaubt, dass die künftigen Sekundarschulen so ohne Weiteres mit den Gymnasien um Schüler konkurrieren können, braucht eine gehörige Portion Optimismus und eine rosarote Brille.
Ob die Sekundarschulen überhaupt erfolgreich sein können, wird davon abhängen, wie die Zugangsbedingungen für das Gymnasium festgelegt werden. Je enger gefasst, z.B. Notendurchschnitt 2,0, desto mehr Schüler, darunter auch leistungsstärkere, müssen auf die Sekundarschulen ausweichen.
Je großzügiger man den Zugang zum Gymnasium regelt, z.B. im Extremfall wie bisher der Elternwille als alleiniges Kriterium, desto stärker wird der Ansturm auf das Gymnasium, desto weniger leistungsfähige Schüler bleiben für die Sekundarschulen – nicht alle werden von den Brosamen satt werden!
Das mag polemisch formuliert sein – Fakt bleibt jedoch, dass im 40. Jahr ihres Bestehens in Berlin der Tod der Gesamtschule als eigenständiger Schultyp beschlossen und demnächst vollzogen wird.
Was bedeutet das für die Thomas-Mann-Oberschule?
Als eine künftige Sekundarschule hat sie, wie die beiden anderen Reinickendorfer Gesamtschulen auch, eine gut funktionierende gymnasiale Oberstufe, durch die sie in der Konkurrenz mit den anderen künftigen Sekundarschulen ohne Oberstufe einen bedeutenden Vorteil haben wird.
Gleichzeitig waren und sind wir aber auch auf die bisherigen Realschulen angewiesen, da unsere Oberstufe zu einem nicht unerheblichen Teil von den bisherigen Realschulen stammt.
Eine Verschlechterung in deren künftiger Zusammensetzung hätte also auch für uns
mittelfristig erhebliche Probleme zur Folge.
Ein Vorteil in der Konkurrenz mit den Gymnasien wird meines Erachtens die Möglichkeit sein, dass unsere Schüler weiterhin die Möglichkeit haben, nach 13 Jahren statt nach 12 Jahren die Abiturprüfung abzulegen, womit ein erheblicher Teil des Drucks von den Schülern genommen wird.
Ob sich dies allerdings in den Anmeldungen für den 7. Jahrgang bemerkbar machen wird,
ist nicht sicher. Wahrscheinlich ist mindestens ebenso, dass Eltern ihre Kinder nach der
10. Klasse vom Gymnasium zur Thomas-Mann-Oberschule ummelden werden, wenn sich herausgestellt hat, dass das Abitur nach 12 Jahren vielleicht eine zu große Hürde sein wird.
Was bleibt uns zu tun?
Wir können wie das Kaninchen auf die Schlange starren, indem wir unseren Blick auf die Zulassungsbedingungen zum Gymnasium fixieren.
Wir können uns aber auch selbst auf unsere Stärken besinnen und unsere Schule so attraktiv machen, dass sie wie bisher für Schüler aller Leistungsstufen attraktiv bleibt oder noch attraktiver wird.
Dazu gehört ein Schulgebäude, in dem Schüler und Lehrer sich wohl fühlen und dessen Anblick die Sinne aller zu erfreuen vermag.
Frau Wanjura, Frau Schulze-Berndt, dafür brauchen wir Ihre Unterstützung!
Wir freuen uns über die zugesagten Sanierungs- und Renovierungsmaßnahmen, allein dabei wird es nicht bleiben können.
Ich weiß, dass wir nicht die einzige Schule im Bezirk sind, aber ich denke auch, dass der von allen Politikern geforderte Vorrang für Bildung nicht im Diktat von Finanzsenatoren untergehen darf.
Was bleibt weiterhin zu tun?
Wir brauchen eine Personalausstattung, die uns erlaubt, fachlich und pädagogisch qualifiziert zu arbeiten.
Herr Gutheil, Herr Schmitz, es sollte und kann nicht länger sein, dass die Gesamtschulen bei den Personalzuweisungen für das neue Schuljahr allein deshalb immer am Ende stehen, weil bei den Umsetzungswünschen von Kolleginnen und Kollegen an erster Stelle die Gymnasien stehen, selbst bei Kollegen, die nicht aus der Studienratslaufbahn kommen. Nebenbei bemerkt sagt auch das eine Menge über die Arbeitsbedingungen an Gesamtschulen aus.
Wenn aber daran nichts zu ändern ist, dann müssen die Gesamtschulen über Neueinstellungen die Möglichkeit haben, sich die Kolleginnen und Kollegen zu suchen, die an der Gesamtschule arbeiten können und dies auch wollen. Dass es solche auch gibt, wissen wir, da viele hervorragende Referendare, die wir an der Schule ausgebildet haben, gerne an der Schule geblieben wären, hätte man ihnen nur die Möglichkeit dazu geboten. An dieser Stelle einen herzlichen Gruß nach Hamburg!
Was noch?
Wir brauchen Klassenfrequenzen, die uns ermöglichen, pädagogisch sinnvoll zu arbeiten, leistungsgerecht zu differenzieren und zu fördern.
Herr Dr. Nix, auch wenn die Hauptschulen abgeschafft werden, bleiben doch ihre Schüler und die mit ihnen verbundenen Probleme.
Setzen Sie sich bitte bei Herrn Senator Zöllner dafür ein, dass die neuen Sekundarschulen solche Klassenfrequenzen erhalten, mit denen Problemschüler aufgefangen und betreut werden können. Dazu gehört auch eine entsprechende Ausstattung der Schule mit Sozial- und Sonderpädagogen.
Bleibt die Frage: Was können wir selbst tun?
Die Frage richtet sich an Schüler, Eltern und Lehrerschaft dieser Schule.
Bei allen äußeren Einflüssen, denen unsere Schule unterworfen ist - einige von ihnen sind, wie ich hoffe, deutlich geworden - bleibt es doch die Aufgabe vor allem derer, die jeden Tag unmittelbar mit der Schule zu tun haben, diese nach ihren Interessen zu gestalten.
Und bei aller Kritik an der geplanten Schulstrukturreform, diese Reform wird uns Möglichkeiten bieten, eigene Vorstellungen für die innere Struktur der Schule zu entwickeln und diese umzusetzen. Diese Chancen müssen wir nutzen. Lassen Sie uns phantasievoll, kreativ und mutig an die Weiterentwicklung unserer Schule herangehen, nicht alles wird zu verwirklichen sein, aber vieles werden wir selbst gestalten.
Dazu gehört, das Profil der Schule zu schärfen und auszubauen. Mit Spanisch als zweiter Fremdsprache und Wirtschaftslehre als eigenständigem Fach sind wir bereits auf einem guten Wege.
Wir sind eine der beiden großen Oberschulen im Märkischen Viertel. Nicht als Konkurrenten, sondern gemeinsam, müssen beide Schule mit ihrem jeweiligen Schulprofil so attraktiv werden, dass sie für die Grundschüler des Märkischen Viertels die erste Wahl beim Übergang in die Oberschule sind.
Die meisten Menschen, die unsere Schule jeden Tag betreten und einen Großteil des Tages dort verbringen, sind unsere Schüler.
Nicht alle sind davon begeistert, aber alle haben Erwartungen und Wünsche, an den Unterricht, die außerunterrichtlichen Angebote und den Zustand des Gebäudes.
Diese Erwartungen und Wünsche zu formulieren, sie in das Schulleben einzubringen und sie durchzusetzen ist Aufgabe der Schülervertretung, und ich fordere die Vertreter der GSV, die heute hier sind, ausdrücklich auf, ihre Rechte und ihre Verantwortung wahrzunehmen.
Ihr werdet, wie bisher auch, bei der Schulleitung immer ein offenes Ohr für Eure Anliegen finden.
Umgekehrt erwarte ich von unseren Schülern, dass sie bereit sind, dazu beizutragen, diese ihre Schule zu einem Ort zu machen, an dem zu sein sich lohnt.
Gleiches gilt für die Eltern als Vertreter ihrer Kinder.
Ich danke Herrn Jochen für seine freundlichen und ermutigenden Worte, die zeigen, dass die Zusammenarbeit von Schule und Eltern im Interesse der Kinder auf einem guten Weg ist. Der schulische Erfolg unserer Schüler ist wesentlich davon abhängig, dass immer mehr Eltern sich ihrer Verantwortung dafür bewusst werden und diese auch zunehmend wahrnehmen. Ich sehe, dass die Elternvertretung diese nicht einfache Aufgabe bewusst angenommen hat und bedanke mich ausdrücklich für Ihr Engagement und Ihre Unterstützung.
Wir werden die Zusammenarbeit mit den Eltern weiter intensivieren, denn nur wenn die Eltern davon überzeugt sind, dass ihr Kind sich auf der richtigen Schule befindet, tragen sie dazu bei, ein positives Bild der Schule in der Öffentlichkeit weiter zu verbreiten.
Ein letztes Wort geht an mein Kollegium, als dessen Teil ich mich immer begriffen habe und dessen Teil ich auch immer bleiben möchte.
Ich denke, alle hier Anwesenden wissen, unter welch schwierigen Bedingungen Sie hier Ihre Arbeit verrichten, viele von Ihnen seit Jahrzehnten.
Dass Sie und ich möchte hier sagen – wir - eine gute und erfolgreiche Arbeit leisten, wird uns immer wieder bestätigt.
Wenn wir sehen, wie viele Schüler in den letzten 40 Jahren unsere Schule erfolgreich absolviert haben, davon fast 4000 Abiturienten,
wenn wir sehen, dass die Verbundenheit mit unserer Schule bei vielen Schülern weit über die Schulzeit hinaus andauert – allein im letzten November waren über 700 Ehemalige bei unserem jährlichen Veteranentreffen,
dann denke ich schon, dass wir – und hier schließe ich alle ehemaligen Kolleginnen und Kollegen mit ein – ein wenig stolz sein können auf das, was hier in den letzten 40 Jahren geleistet wurde und heute täglich geleistet wird.
Ich weiß um die zunehmenden Belastungen, denen Sie ausgesetzt sind, die zu hohen Klassenfrequenzen, die zunehmende Zahl an Problemschülern, die Erhöhung der Pflichtstundenzahl bei gleichzeitigem Wegfall von Ermäßigungen – so arbeitet ein 60-jähriger Lehrer heute 5 Wochenstunden mehr als vor 15 Jahren, all das ist mir bewusst.
Und dennoch möchte ich Ihnen Mut machen, sich an der Gestaltung der Schule aktiv zu beteiligen. Es sind nach wie vor immer noch die Lehrerinnen und Lehrer, die vor allem das Bild und das Profil einer Schule prägen. Veränderungen zum Positiven kann und wird es nur dann geben, wenn das gesamte Kollegium sich den Problemen stellt und gemeinsam an den notwendigen Veränderungen arbeitet.
Ich bin sicher, dass sich auch dort mehr Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit einstellt, wo das Bewusstsein vorhanden ist, selbst zur Gestaltung der Arbeitsbedingungen beigetragen zu haben.
Und ich sage Ihnen auch, dass wir einen Beruf haben, der es immer noch wert ist, ihn auszuüben. Es gibt kaum einen, in dem Sie freier und selbstbestimmter das umsetzen können, was Sie zu erreichen sich vorgenommen haben.
Lassen Sie uns gemeinsam in den nächsten Jahren darüber nachdenken, was uns wichtig ist, und lassen Sie uns gemeinsam versuchen, die unsere Vorstellungen und Ziele umzusetzen. Ich denke, die Mühe ist es wert, und ich denke ebenfalls, dass wir bereits auf einem guten Wege sind.
Liebe Gäste,
Sie haben heute gesehen, dass und wie die Thomas-Mann-Oberschule lebt und ich versichere Ihnen, dass sie sich den Veränderungen der Zukunft selbstbewusst stellt.
40 Jahre Gesamtschule in Berlin mögen sich dem Ende zuneigen, die Thomas-Mann-Oberschule wird bestehen bleiben, auf der künftigen 50-Jahre-Feier der Schule werden wir dann sehen, welchen Weg sie genommen hat.
Ich danke Ihnen, dass Sie mit uns heute auf 40 Jahre Geschichte der Thomas-Mann-Oberschule zurück geblickt haben, begleiten Sie uns mit Ihrer Kritik, Ihrer Sympathie und Ihrer Unterstützung auch in der Zukunft!